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26.05.2022

Aus der Geschichte Anholts - jüdische Gemeinde Anholt

Anlässlich der Feierlichkeiten zu 675 Jahre Stadtrechte Anholt und 75 Jahre Heimatverein Anholt, werden wir in den nächsten Monaten über die jüngere Geschichte in Anholt berichten und Themen aufgreifen, die früher wie heute interessant waren.

Zur jüngeren Geschichte von Anholt gehört auch die Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Anholt. Die erste jüdische Familie fand ihre Erwähnung in offiziellen Anholter Dokumenten im Jahr 1616.
1938 verzogen die letzten Anholter Bürger jüdischen Glaubens auf Grund der politischen Situation in die benachbarten Niederlande. Ein Verbleib in Anholt wurde für sie immer gefährlicher und sie mussten um ihr Leben fürchten.

Nachfolgend ein Artikel von Klaus Zelzner, Kenner Anholter Geschichte und vielbeachteter Heimatforscher.

Jüdische Gemeinde in Anholt - Gottesdienste in privaten Wohnhäusern

In der Herrschaft und der Stadt Anholt hat es in den vergangenen Jahrhunderten niemals eine große Zahl jüdischer Familien gegeben. Daher sind auch spezielle Nachrichten, insbesondere urkundliche Nachweise, kaum vorhanden.
Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten in ganz Europa die dort lebenden Juden kaum Rechte. Sie waren von Grundbesitz, Bürgertum und Zünften aus geschlossen. Sie mussten ihre Existenz unter vielfältigen gesetzlichen Einschränkungen und Auflagen aufrecht zu erhalten suchen. Daher waren sie meist Kleinhändler und Pfandverleiher oder
Schlachter.

Die Gegenden, wo sie sich mit Zustimmung der Obrigkeiten niederlassen konnten (Schutzprivilegien), waren unterschiedlich. Meist nahm man nur eine bestimmte Anzahl auf; in anderen Territorien- für Deutschland am Oberrhein und im Maingebiet - duldete man größere Ansiedlungen. Das benachbarte Holland gewährte schon ab 1606 aus Portugal
ausgewanderten Juden Asyl. 

In der Herrschaft Anholt wird der erste jüdische Einwohner 1616 in einer Steuerliste erwähnt, nach welcher er der landesherrlichen Verwaltung 3 Thaler jährlich schuldete. Näheres ist aber nicht überliefert. Aus einer Trauungsurkunde in hebräischer Sprache, die sich im Fürstlich Salm Salm'schen Archiv befindet, geht hervor, dass im Jahre 5402 mosaischer Zeitrechnung = 1641 nach dem Gregorianischen Kalender eine jüdische Ehe in Anholt geschlossen wurde. Mit der französischen Revolution und ihren Folgen besserten sich auch die Verhältnisse der Juden in Deutschland, denen nach und nach Bürgerrecht und Gemeindeverfassung verliehen wurden.

Vorfahren meist aus dem benachbarten Holland

Bei der Anlage des Einwohnerverzeichnisses von 1812 wurden in Anholt zehn jüdische Familien registriert. Deren Vorfahren stammten meist aus dem benachbarten Holland. Von Beruf waren sie überwiegend Kleinhändler und Metzger. Die Namen dieser Familien (Franken, Cohen, Leyser, Cussel) waren bis zum Zweiten Weltkrieg in Anholt geläufig, obwohl bis auf drei Familien die meisten schon vor oder nach dem Ersten Weltkrieg - meist nach Holland - verzogen waren. Am längsten blieben die beiden Familien Cussel in Anholt. Die eine betrieb am Eiermarkt 77 eine Metzgerei, die andere, wohnhaft Steinweg 101/102, ein Viehhandelsgeschäft. Unter dem Druck der Verfolgung durch die nationalsozialistische Regierung wichen sie nach Holland aus. Schon 1938 gab es daher keine jüdischen Mitbürger in Anholt mehr. Es ist somit auch von dort niemand zwangsverschleppt worden.

Bau von Gotteshäusern musste der Landesfürst genehmigen

Was die religiösen Pflichten der mosaischen oder israelitischen Religion betrifft, so bedurfte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts der Bau von Gotteshäusern der besonderen Genehmigung des jeweiligen Landesfürsten. Bis dahin wurde der Gottesdienst in privaten Betstuben oder Wohnhäusern abgehalten. Bei der geringen Zahl von Einwohnern mosaischen Bekenntnisses wird das in Anholt auch so gehandhabt worden sein. Im Jahr 1831 jedoch wurde die Synagoge im zu Haus Nr. 30 auf der Niederstraße erbaut, dessen Errichtung vom Fürsten Wilhelm-Florentin Salm-Salm (1828-1846) sehr gefördert wurde.

***Foto***

- Mitglieder des Anholter Heimatvereins nehmen an einer Führung von Sepp Aschenbach teil. Auf dem Foto befinden sie sich in der Niederstraße, dort, wo bis 1945 die Anholter Synagoge stand. -

Die Synagoge enthielt die für den Gottesdienst und dessen Vorbereitungen erforderlichen Räume und Gerätschaften, einen großen Kronleuchter, sowie eine Gebetstafel mit dem preußischen und fürstlich Salm'schen Wappen, auf der in deutscher und hebräischer Sprache das Gebet verzeichnet stand, das bei jedem Gottesdienst für den König von Preußen und den Fürsten zu Salm Salm gesprochen wurde. Außerdem umfasste sie Räumlichkeiten für liturgische Waschungen und einen Unterrichtsraum für Kinder. Da von etwa 1855 ab bis zum Ersten Weltkrieg nicht weniger als 25 Haushaltungen durch Wegzug aufgegeben wurden und nur noch drei jüdische Familien in Anholt verblieben, fanden regelmäßige Gottesdienste, mit Ausnahme am Versöhnungstag Ende September, nicht mehr statt. Die Kinder erhielten von israelitischen Lehrern aus der Nachbarschaft Religionsunterricht. Die verbliebenen Juden wurden von der Synagogengemeinde Bocholt mitbetreut.

Synagoge wurde am 24.März 1945 beim Brand in Anholt zerstört

Anlässlich der gewalttätigen Ausschreitungen gegen die Juden im Deutschen Reich am 8. November 1938, kamen in Anholt selbst keine Gewaltakte vor. Die Synagoge, die zuletzt vornehmlich als Wohnhaus für eine Familie (Konst) diente, blieb unangetastet. Zu Kriegsende wurde dieses Haus in der Niederstraße am 24. März 1945 beim Brand von Anholt zerstört, mit ihm die Synagoge.

Zusammen mit Isselburg hatte Anholt auch einen israelitischen Friedhof.

Er wurde vom Fürsten zu Salm-Salm Ende des 18. Jahrhunderts den jüdischen Familien als Begräbnisstätte zur Verfügung gestellt, üblicherweise weit draußen vor den Toren der damaligen Stadt, am Feldweg in die Bauerschaft Dwarsefeld. Der älteste erhaltene Grabstein trug noch 1947 die Jahreszahl 1821. Da die Juden nach ihren kultischen Vorschriften eine Grabstelle niemals auf lassen, befinden sich sicherlich dort noch restliche Grabfelder aus früherer Zeit. Schon 1919 war der ältere Teil dieses Friedhofes mit Gras und Gestrüpp überwuchert, die Grabsteine tief eingesunken. Die letzte Beisetzung hatte seinerzeit 1912 stattgefunden. Seitdem verwilderte der mit Bäumen bepflanzte und von einer Hecke begrenzte Friedhof immer mehr. Vor dem Zweiten Weltkrieg sind nach Unterlagen der Stadtverwaltung 1924 Johanna und Lina Cussel, 1932 Levi Leyser sowie 1934 Salomon Cussel und Meyer Cussel dort bei gesetzt worden. Seitdem verfiel der Friedhof, für dessen Pflege die israelitische Kultusgemeinde Bocholt zuständig war, noch weiter.

In der Zeit des Nationalsozialismus durfte er nicht von Fremden betreten werden. Das Grundstück sollte zwangsweise verkauft werden. Es blieb aber dabei, da niemand den Gottesacker erwerben wollte. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt aufgrund entsprechender Erlasse verpflichtet, den israelitischen Friedhof in ihre Obhut zu nehmen. Das wird auch jetzt so gehandhabt. So bleibt eine gewisse Erinnerung an die jüdischen Bürger Anholts, die stets mit ihren Mitbewohnern friedlich nebeneinander lebten, aufrechterhalten.

KLAUS ZELZNER Tradition über Jahrhunderte bewahrt „Anholter Geschichten“ Heimatverein Anholt